Mai, 2014

Apetito AG

1,3 Millionen Gäste täglich: GV-kompakt schaute bei Apetito hinter die Kulissen und erfuhr, wie Mensch und Maschine in Einklang zu bringen sind.
Fotos: Apetito

Norbert Menne muss gut zu Fuß sein. Der Veranstaltungsmanager der apetito AG führt immer wieder auch Kunden und Besucher durch das Werksgelände des Tiefkühlkostspezialisten. Und das Areal ist riesig! Im Industriegebiet Nord der Stadt Rheine im Münsterland erstreckt es sich auf einer Fläche von ca. 128.000 Quadratmetern, gut 26 Prozent davon bebaut. Vom Verwaltungsgebäude, wo Menne in der Regel den Rundgang beginnt, bis zum jüngsten Investitionsobjekt des Konzerns – dem im Oktober 2013 neu eröffneten Logistik- und Versandzentrum – läuft man mehr als einen Kilometer. Apetito- Mitarbeiter, die diesen Weg täglich mehrmals absolvieren, haben dafür ein Fahrrad zur Verfügung. Sie sausen an uns vorbei und an einer Vielzahl frisch gepflanzter Bäume, die gegenüber dem Neubau viel Platz zum Wachsen haben. Fast parkähnlich wirkt das Gelände rund um die Verwaltung. Ein kleiner Teich, Bäume, Büsche, Rasenflächen, Gräser und blühende Ziersträucher sind liebevoll angelegt und genießen sorgfältige Pflege. „Das grüne Erbe unseres Firmengründers Karl Düsterberg“, erklärt Norbert Menne. „Dem gelernten Landschaftsgärtner war ein natürliches Umfeld immer wichtig.“

Bis heute kommt der jetzt 97-jährige Düsterberg noch ab und an in den Firmensitz in der Bonifatiusstraße und interessiert sich für die Weiterentwicklung seines Lebenswerks. Am 1. April 1958 gründete er hier mit seinem Freund Egon Senger die Firma „apetito Fertigmenü Düsterberg und Senger“. Ein Lieferfahrzeug aus dieser Zeit schmückt blankgeputzt das Treppenhaus im Verwaltungstrakt und erinnert an die feinen, bescheidenen Anfänge.

Binnen 56 Jahren ist aus ihnen ein solides, international agierendes Unternehmen mit mehr als 8.900 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 733 Millionen Euro (2012) geworden. Aktuell gehören zur apetito- Gruppe der Konzern mit sieben in- und ausländischen Tochterunternehmen und die eigenständige Gesellschaft apetito catering. Der Geschäftserfolg basiert etwa zu gleichen Teilen auf einem Engagement in den vier Segmenten Gemeinschafts- und Individualverpflegung (Kitas, Schulen, Betriebe, Kliniken, Senioreneinrichtungen und Menüservice), Retailgeschäft, Cateringgeschäft und internationales Geschäft.

Die Firmengeschichte prägen viele Meilenstein, von denen einer allgegenwärtig ist: 1971 wird das System geboren, das wohl die meisten Menschen mit dem Unternehmen apetito verbinden. Gemeinsam mit der Leiterin des Mahlzeitendienstes des Deutschen Roten Kreuzes Berlin, Ruth Martin, entwickelte Karl Düsterberg damals eine völlig neue mobile Verpflegungslösung für kranke, behinderte und alte Menschen im eigenen Zuhause: Essen auf Rädern. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen. So etablierte sich dieses Angebot in kurzer Zeit und ist bis heute permanent nachgefragt. Aktuell gibt es beim Essen auf Rädern von apetito über 200 verschiedene Menüs, Suppen und Desserts, außerdem spezielle Kostformen sowie Aktionsangebote zu Feiertagen. Sie kommen entweder täglich heiß oder wöchentlich im Paket mit sieben tiefgekühlten Menüs zum Kunden. Gekocht werden all diese Gerichte sowie sämtliche Komponenten für die Gemeinschafts- und Individualverpflegung in Kitas, Schulen, Betriebsrestaurants, Kliniken, Menüservices und Senioreneinrichtungen in den drei eindrucksvollen Küchen am Stammsitz des Familienunternehmens in Rheine. 570 Mitarbeiter kochen im Drei-Schicht-System täglich frisch etwa 500.000 Menüs in ca. 70 bis 120 unterschiedlichen Sorten. Sie basieren auf 3.200 fein abgestimmten, im Haus entwickelten Rezepturen, die genau den individuellen Bedürfnissen der Tischgäste entsprechen. Selbstverständlich wird beispielsweise das Hähnchenfleisch für die Kita-Menüs anders gewürzt und gegart, als für die Betriebsgastronomie. Es gibt unterschiedliche Portionsgrößen. Ebenso sind Konsistenzen und Nährwerte zugeschnitten auf die einzelnen Kundengruppen.

Die Qualität der Gerichte beginnt bei apetito mit den Zutaten. Sie unterliegen allesamt strengen Kontrollen. Sämtliches Gemüse etwa muss spätestens vier Stunden nach der Ernte tiefgefroren werden. Die Einhaltung dieser Regel prüfen Firmenmitarbeiter direkt bei den Lieferanten vor Ort. Gemüse- und Fleischfonds stellen die Köche selbst her. Konsequent verzichten sie auf Geschmacksverstärker und geschmacksverstärkende Zutaten wie Hefeextrakt und Würze, Phosphat und Schmelzsalze, künstliche und natürliche Farbstoffe sowie künstliche und naturidentische Aromen.

Menschen und Maschinen im Einklang

Jedes Stück Fleisch geht durch die Hand einer ausgebildeten Fachkraft, wird hier von Knorpeln und Sehnen befreit. „Diese manuelle Kontrolle und Vorbereitung kann keine Maschine so souverän leisten“, begründet Veranstaltungsmanager Norbert Menne beim Werksrundgang den Einsatz von 23 Metzgern im Unternehmen. Portionieren, formen, garen und braten wiederum erledigt die Technik; nie ermüdend und mit immer gleicher Präzision.

Küche 1 beherbergt die Fleischverarbeitung. Während sich hier auf der einen Seite der Riesenküche ein großer trichterförmiger Kessel in Zeitlupentempo hebt und einen Berg Hackfleischmasse in den Former abkippt, laufen auf der anderen Seite unzählige Schnitzel zum Würzen über ein Teflonband, bevor sie im meterlangen Garofen verschwinden. Zeitgleich formt die Maschine gegenüber aus dem Hackfleisch tausende Fleischbällchen, die wiederum in einer Fritteuse knusprig gebacken werden. Dann ereilen Schnitzel und Fleischbällchen das gleiche Schicksal: Sie werden schockgefroren.

Küche 3 ist das Reich der großen Kessel. In jedem gart eine andere Menükomponente, peinlich genau überwacht von einem Koch. Während des Garprozesses nimmt das im Küchengebäude integrierte Labor Proben von jedem Produkt, prüft es auf Salzgehalt, Viskosität und ph-Wert und zeigt diese Werte permanent über eine Leuchttafel an. So kann der Mitarbeiter genau verfolgen, wann er beispielsweise nachwürzen muss. „Gemüse ist ein Naturprodukt, jede Ernte ist anders“, erklärt Norbert Menne die häufigen Kontrollen. „Qualität prüfen wir aber nicht nur anhand von Laborwerten, sondern auch durch das Abschmecken.“ Jedes Gericht muss durch den sogenannten Freigabetest. Dabei kommt es – wie im wahren Leben – tiefgefroren zur Überprüfung, wird dann zubereitet und danach von einem Gremium aus Köchen, Produktentwicklern und Marketingmitarbeitern verkostet. Eine scheinbar aufwendige Prozedur, die sich aber wohl lohnt. „Die Zufriedenheit mit unserem Essen ist außergewöhnlich hoch“, berichtet Norbert Menne stolz. „97 Prozent unserer Tischgäste würden die Menüs weiterempfehlen, besagt eine Befragung aus dem Jahr 2012.“

Standortbekenntnis: 22,5 Millionen Investition

Bevor ich mich vom Geschmack einiger Gerichte selbst überzeugen darf, verordnet mir der Gastgeber einen kurzen Kälteschock. Norbert Menne führt mich in das nach einer fünfjährigen Planungs- und Bauzeit am 9. Oktober 2013 neu eröffnete Logistik- und Versandzentrum (LogiZ). Bei eisiger Kälte von minus 24 Grad Celsius erlebe ich das Herzstück - eine voll automatische Kommissionier- und Sortiermaschine – in Aktion. Mit 22,5 Millionen Euro ist das Zentrum die größte Einzelinvestition in der 56-jährigen Firmengeschichte und neben einer modernen Logistiklösung zugleich auch ein klares Bekenntnis zum Standort Rheine. Die Anlage ist einzigartig in Europa. 18 sogenannte Regalbediengeräte sorgen im 21 Meter hohen automatischen Kartonlager für eine rasant schnelle Be- und Entladung der 77.500 Karton- Stellplätze. Kundenbestellungen für etwa zwei Tage haben dort Platz. Im farbenfrohen und taghellen Versandbereich erfolgt die Verpackung über acht, nach neuesten ergonomischen Gesichtspunkten installierte Packplätze mit einer Leistung von mehr als 3.000 Kartons pro Stunde. Durchschnittlich tausend Kundenaufträge können die Mitarbeiter jeden Tag bearbeiten. Selbstverständlich tragen sie Kälteschutzkleidung, um den frostigen Temperaturen standhalten zu können. Für mich ist hingegen nach ca. zehn Minuten das Maß des Erträglichen erreicht und ich freue mich, wieder ins Freie zu können. Angela Koch erwartet mich bereits in der letzten Station meines Besuchs: Produktentwicklung und Labor. Jährlich arbeiten sie und ihr Team an neuen Rezepturen. 500 gelangen nach einer Entwicklungszeit von vier bis 12 Monaten in die Küche. Die Marketingmanagerin für den Bereich Kita, Schulen, Betriebe präsentiert sechs Gerichte für Schüler verschiedener Altersgruppen. Die fein abgestimmte Würzung und die unterschiedlichen Konsistenzen, vor allem beim Fleisch, zeugen davon: Das Unternehmen kennt die Vorlieben seiner 1,3 Millionen täglichen Tischgäste.

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